Rezension: Der Rat der Neun von Veronica Roth

Der Rat der Neun – Veronica Roth
Hörbuch, vollständige Leseung, 16 Stunden, 4 Minuten
erschienen im Hörverlag

Vielen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!

Die Handlung

Wir befinden uns in einer Galaxie mit verschiedenen Planeten, die von verschiedenen Völkern bewohnt werden. Auf einem der Planeten, Thuve, leben jedoch zwei unterschiedliche Völker: Das friedlebenden Volk von Thuve und die grausamen Shotet, beide nur getrennt durch das Federgras. Cyra gehört den Shotet an und ist die Schwester des tyrannischen Herrschers Ryzek. Akos dagegen lebt mit seiner Familie auf der anderen Seite des Federgrases.

In dieser Welt hat jeder Mensch eine „Gabe“, die ihm gewisse Fähigkeiten verleiht. Die „Gabe“ von Cyra ist jedoch fürchterlich. Durch sie verspürt sie ununterbrochen einen schrecklichen Schmerz, den sie bei einer Berührung eines anderen Menschen auch auf diesen übertragen kann. Ihr herschsüchter Bruder Ryzek benutzt sie daher als Foltermethode seiner Feinde.

Gleichzeitig gibt es in dieser Welt einer weitere Besonderheit: einige wenige auserwählte Menschen haben neben einer Gabe auch ein Schicksal – ihnen ist ihre Zukunft damit vorherbestimmt. Aufgrund seines eigenen Schicksals befielt Ryzek daher einen Übergriff auf Akos Familie und entführt Akos und seinen Bruder Eijeh. In der Gefangenschaft trifft Akos dabei auf Cyra und bemerkt schnell, dass er eine Gabe hat, die Cyra’s Gabe beeinflussen kann. Cyra und Akos müssen sich dann entscheiden, ob sie sich gegenseitig helfen oder zerstören wollen.

Meine Meinung

Puh. Wo fange ich nur an? Ich denke, es ist sehr sehr wichtig, gleich zu Anfang eines zu erwähnen: Das Buch hat – insbesondere im englischsprachigen Bereich – hohe Wellen geschlagen, da nach dem Eröffnungstermin Stimmen laut wurden, die insbesondere zwei Sachen in dem Buch sehr stark kritisiert haben.

Ich bin auf diese Aspekte erst gegen Ende des Hörens durch Zufall gestoßen und ohne die Diskussion wären sie mir teilweise – vermutlich – nicht weiter aufgefallen. Meine Bewertung, die ihr am Ende findet, habe ich daher unbeeinflusst von diesen Diskussionen getroffen, da ich nicht genau weiß, wie ich das Buch sonst bewerten soll.

Zum einen wird bemängelt, dass das Buch rassistisch sein soll – insbesondere Menschen mit dunkler Hautfarbe, die dem Volk der Shotet angehören, werden als grausam und gewalttätig beschrieben. Zwar besteht laut einer Aussage von Veronica Roth selbst das Volk der Shotet aus Menschen mit gemischten Hautfarben, dennoch ist dieser Aspekt vielen aufgefallen und viele haben sich hierduch verletzt gefühlt. Die Kritik geht dabei auch auf die Sprache der Shotet oder Cyra’s Haare ein. Ich muss hierzu sagen, dass mir dieser Aspekt nicht direkt aufgefallen ist – was aber vermutlich daran liegt, dass ich vielleicht nicht die alleraufmerksamste Hörerin bin und die Kritik vor dem Lesen des Buches nicht kannte und daher auch nicht sonderlich darauf geachtet habe.

Ein weiterer Punkt, der mir sehr wohl aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass der ständige Schmerz von Cyra als „Gabe“ beschrieben wird. Zudem haben wir relativ am Anfang eine Stelle, in der ein konsultierter Arzt uns als Leser erklärt, dass der Schmerz etwas ist, das Cyra im Prinzip selbst verursacht. Erst wenn sie sich ändert, wird auch der Schmerz vergehen. Es wird so dargestellt, als ob sie davon ausginge, als würde sie den Schmerz verdienen. Das finde ich höchst problematisch und auch andere sind hierüber entsetzt. Ich habe u.A. bei Goodreads und Twitter Meinungen von Leuten gelesen, die selbst unter chronischen Schmerzen leiden und dies nie nie niemals als Gabe bezeichnen würden und hierüber nahezu entsetzt waren. Bestärkt wurde das Ganze wohl noch durch ein Interview von Veronica Roth, in der sie bestätigt haben soll, dass chronischer Schmerz tatsächlich eine Gabe sein kann.

Insbesondere der Aspekt, dass Cyra denkt, sie verdiene den Schmerz und werde ihn erst los, wenn sie sich ändert, finde ich sehr problematisch. Das vermittelt in meinen Augen ein gefährliches Bild.

Inwieweit die Kritik letztendlich berechtigt ist, möchte ich hier gar nicht beurteilen. Fest steht für mich nur, dass es viele Menschen sehr verletzt hat und ich der Meinung bin, dass man das beim Lesen des Buches unbedingt im Hinterkopf behalten sollte und dann selbst entscheiden kann, inwieweit man der Kritik zustimmt oder aber auch nicht.

So. Unabhängig davon:

Die Geschichte wird aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei ich das Gefühl hatte, dass die Erzählungen aus Cyras Sicht deutlich von der Menge her überwiegen. Die eine Sicht ist die Sicht von Cyra, die in der Ich-Perspektive geschrieben ist.

Die andere Sicht ist die Sicht von Akos. Beide Sprecher haben mir sehr gut gefallen. Sie haben super zu den beiden Charakteren gepasst – insbesondere hat der Sprecher von Akos eine wunderbar ruhige, angenehme Stimme, während die Sprecherin von Cyra an den passenden Stellen sehr kalt klingt. Das funktioniert super mit der Person Cyra an sich. Cyra war mir nicht unsympathisch, eine typische 0815-Protagonistin war sie aber anfangs zumindest auch nicht. Cyra beschreibt die Grausamkeiten ihres Vaters und auch die ihres Bruders mit einer Gelassenheit, die zu dem passt, was ihr in ihrem Leben bislang wiederfahren ist.

Leider hat sie sich gegen Ende immer mehr zu einer Person entwickelt, die der typischen Heldin einer Dystopie beispielsweise sehr ähnelt. Die Charakterentwicklung ist aber trotzdem gut gelungen und ich persönlich habe ihr die Entwicklung auch abgenommen. An einer Stelle gegen Ende passiert etwas mit Cyra, was sie meines Erachtens zu etwas sehr Außergewöhnlichem hätte machen können, da es sie verändert. Kurze Zeit später hat die Autorin Cyra dann aber wieder „erlöst“, was ich persönlich menschlich gesehen zwar verstehen konnte, für die Entwicklung von Cyra selbst aber schade fand. Ein bisschen mehr Mut hätte der Autorin nicht geschadet – ich hätte Cyra auch ohne die zweite Entwicklung noch genauso gern gehabt.

Zu Akos bleibt nicht viel zu sagen. Auch wenn er eher einem typischen Hauptprotagonisten entspricht, ist er sehr sympathisch, aufopferend und loyal. Ein Charakter, den man gern haben muss!

Kommen wir zu einem weiteren Charakter, mit dessen Beurteilung ich auch nicht so ganz einverstanden bin. Ryzek, der tyrannische Bruder von Cyra, wird schon früh von seinem Vater in eine Rolle hineingedrängt und grausam behandelt – was in meinen Augen zu einer absolut verständlichen Reaktion führt. Trotzdem wird er als grausamer Mensch dargestellt. Dabei ist Ryzek eigentlich gar nicht der grausame Mensch hier. Er tötet zwar und möchte sich selbst an der Macht erhalten, jedes Mal aber wenn er einer Person Schmerzen zufügen oder sie sogar töten muss, fühlt er sich fürchterlich und muss Beruhigungstees zu sich nehmen. Genau dafür schaut Cyra auf ihn herab und sieht in als Schwächling an. Ähm. Hallo?!

Natürlich wird Ryzek sonst sehr sehr unsympathisch dargestellt, sodass man ihn praktisch gar nicht mögen kann – aber so einen Charakterzug als Schwäche darzustellen? Ich weiß nicht. Das ging mir irgendwie gegen den Strich.

Kommen wir dann noch zu der Handlung. Das Hörbuch war eine ungekürzte Lesung und hatte dementsprechend gut 16 Stunden Hörmaterial zur Verfügung. Das Buch hätte man dabei locker auf die Hälfte kürzen können. In der ersten Hälfte passiert wirklich nur sehr sehr wenig – und an dieser Hälfte habe ich auch die meiste Zeit verbracht. Ab einem gewissen Punkt ändert sich das und die Handlung schreitet schnell voran. Bis es soweit ist, muss man aber ein gutes Durchhaltevermögen beweisen.

Mir persönlich ging es zwar so, dass ich die vielen Längen und Pausen und Zwischenschritte gar nicht so schlimm fand – sie haben gleichzeitig deutlich zum „World-Building“ beigetragen (was zugegeben wirklich großartig gelungen ist), aber ich wusste lange Zeit nicht, worauf die Geschichte hinaus will. Kaum ging es im Buch etwas voran, wurde die Handlung schon wieder ausgebremst. Sehr schade in meinen Augen, da dadurch deutlich Spannung verloren gegangen ist.

Die Geschichte ist zu Anfang auch super verwirrend. Ich habe viele Kapitel lang noch fast gar nichts verstanden. Das lag zum einen an der Komplexität der Welt – bis ich verstanden habe, wer ein Schicksal und wer eine Gabe hat & was genau die beiden miteinander zu tun haben oder auch nicht, hat es wirklich eine schöne Zeit lang gedauert.

Zudem wird man gleich zu Anfang mit so vielen neuen Namen bombadiert, dass man sich unmöglich gleich alle merken kann. Ich bin mir nicht sicher, ob das ggf. im Buch anders gewesen wäre – ein Vorteil des Hörbuches war sicher, dass ich so gleich die richtige Aussprache der jeweiligen Namen und Bezeichnungen mitbekommen habe. Wenn es euch ähnlich gehen sollte, kann ich euch beruhigen, dass es besser wird und man irgendwann den Dreh raus hat – bis dahin dauert es aber eine Weile.

Ein weiterer Kritikpunkt ist für mich das Ende des ersten Teils. Während in der ersten Hälfte des Buches der Fokus auf ganz anderen Dingen lag – und sich zum Beispiel die  Beziehung zwischen Cyra und Akos auf eine ganz wunderbare, nachvollziehbare Art und Weise entwickelt hat – hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte gegen Ende immer „liebesbetonter“ wurde. Das hätte das Buch gar nicht nötig gehabt.

Insgesamt kann ich also festhalten, dass das Buch durchaus tolle Momente und Ideen hatte, mir aber in einigen Dingen aber absolut gar nicht gepasst hat. Man benötigt ordentlich Durchhaltevermögen, bis sich dann endlich mal der Handlungsstrang offenbart. Aus diesem Grund gibt es von mir für den ersten Teil „Gezeichnet“ 3 Sterne, auch wenn ich voraussichtlich auch den nächsten Band lesen/hören möchte – nicht zuletzt um zu sehen, wie die Autorin auf die lautgewordene Kritik ggf. reagiert.

Meine Bewertung

 

3 von 5 Sterne